Bd. 41 Nr. 41 (2017): ZdF Nr. 41/2017

Die DDR sei, schrieb 1966 der österreichische Kommunist Ernst Fischer, „nicht das Ergebnis einer eigenen, sondern der russischen Revolution mit nahezu vierzigjähriger Verspätung. Die neuen Produktionsverhältnisse (Enteignung der Gutsbesitzer, der Industrie- und Bankherrn) kamen von außen, durch den Sieg der Sowjetarmee, und mit ihnen zugleich der Überbau mitsamt einer wohlgeordneten Ideologie, die als herrschende zu gelten hatte. Vom Überbau her also war der Aufbau und die Festigung der Basis gleichsam nachzuholen, woraus sich in mancher Hinsicht eine verkehrte Welt mit ungemein schwierigen Problem ergab. Durch das Bewusstsein einer kleinen Minderheit wurde das gesellschaftliche Sein bestimmt. Zerstörte Betriebe mussten instand gesetzt, neue Industrien errichtet, die gesunkene Produktion gehoben, und vor allem, feindselige, misstrauische oder doch abseitsstehende Massen gewonnen werden.“

Die in der DDR bis 1989 herrschenden Kommunisten waren sich bewusst, was sie der russischen Oktoberrevolution zu verdanken hatten. Sie feierten alljährlich deren Jahrestage und ganz besonders die runden davon. Die 1978 erschienene Geschichte der SED feierte die „große Sozialistische Oktoberrevolution“ als ersten Schritt „in ein Zeitalter, in dem die Ausbeutung in jeglicher Form beseitigt ist, in dem es keine Unterdrückung des Menschen durch den Menschen und keine Kriege mehr gibt. Sie eröffnet eine neue Ära in der Geschichte: die Epoche des Übergangs der Menschheit vom Kapitalismus zum Sozialismus.“ Seit der „großen Proletarischen Oktoberrevolution“ sei die Welt in zwei Lager gespalten, „in das Lager des objektiv zum Untergang verurteilten Kapitalismus und in das Lager des aufsteigenden Sozialismus“.

Im Vorfeld des 100. Jahrestages der Oktoberrevolution füllen sich die Schaufenster der Buchläden mit Neuerscheinungen zu verschiedenen historischen Aspekten der bolschewistischen Machtergreifung von 1917 und deren schlimmen Folgen. Oktoberrevolutionsfeste sind Vergangenheit, die Glut des bolschewistischen Revolutionsfeuers ist erloschen. In dieser ZdF-Ausgabe geht es um das Oktoberrevolutionsfieber, das Zeitgenossen unmittelbar nach dem Ereignis erfasste, aber auch noch Jahrzehnte später unter Nachgeborenen ausbrach, wenn die Zeitläufe dafür Inkubationsräume boten.

Veröffentlicht: 2019-02-28

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